Die Zeit der Lust-Sucht überwiegt Sich mit der


UNTAT


Die Untat - Gottes-Dorn!

Wie erzittern alle Herzen,

wenn du dich in eine stichtst,

und schwingen empor,

sich heben über Abgrund - heben,

bis du ihn nicht ausrißt!


Es ist das Fühlen eines lebendigen Hüters des heiligen Weihrauchs.


Hören wir zu:


 Was bedeutet das, daß die Untat ein göttlicher Dorn ist? Haben die Untat die Götter ver-schuldet? Bezahlt der Mensch eine göttliche Schuld? Und wie ist Untat ein Dorn, der sich ins Herz einsticht und alle Herzen ins Zittern und Schwingen bringt?


 Eine Untat - auch wenn sie nicht ein unmittelbarer Angriff auf seinen Körper oder seine Seele ist - beunruhigt den Menschen in Sich, wenn er von ihr erfahren hat. Schon nur ihre Kenntnis. Man ist überrascht, erschüttert, ohne Verständnis. Man wird auch verängstigt. Und zornig. Mit einem Wort empört. Eine Untat belastet alles um sich, seine ganze Umgebung. Soll das bedeuten, daß nicht nur die Leuten, sondern auch alles andere An-wesende in der Umgebung, die s.g. lebendige und unlebendige Natur und alles Gegenständliche? Empört sich auch all dies?  Wie wäre so was überhaupt möglich?


 Die Untat sticht sich ins Herz ein. Sticht sie sich selbst ein? Oder wird mit diesem Herzenstich Sich selbst gestochen? 


Wie kann Sich mit einem Herzenstich gestochen sein? 


 In scharfer Qual des Stichs empfindet leidend Sich der Mensch in Sich. Die anderen Menschen, gesondert aber die, die seine Nächsten sind, leiden in Sich mit. Obwohl sie körperlich nicht beschädigt sind, empfinden sie die Qual in Sich.  Verletzen kann aber auch nur ein Wort, vielleicht sogar nur ein Gedanke. Mit einer Beleidigung wird die Seele verletzt. Man ist in seiner Seele be-leidigt. Man leidet in Sich. Und auch andere Leuten, unsere Nächsten leiden mit.  Auch eine Beleidigung ist ein Herzenstich.


Ist alles in Sich verbunden? Und wie ist Sich, mit welchem alles verbunden ist? Lebendiger als alles Lebendige, empfindlicher als alles Empfindliche?


 So er-zittern alle Herzen, wenn eines (in Sich) gestochen wird. Mit jedem Beschädigen des Sinn-lichen, wird der Sinn, mit dem es Sich trägt, be-schädigt. Hat Sich einst - am An-Fang - eine Sinnes-Be-schädigung ereignet, in welcher wir noch immer sind und die Sich mit uns voll-zieht? Ist es der Gottes-Dorn, mit dem wir in Sich gestochen sind? Was uns trennt von Sich?


Ist es der Tod, der im Leben steckt? Das Leben endet, trennt? Oder der Mensch, der den Tod mit Sich trägt? Muß der Mensch den Tod aus Sich ausreißen? Oder Sich aus Sich? 


Der Mensch trennt Sich vom Tod. Der Mensch ist der Gottes-Dorn. Der Mensch sticht in Sich. Der Mensch muß Sich aus Sich ausreißen. 


 Wurde die Untat mit dem Menschen begangen? Aber was ist eine Untat überhaupt? 


 Mit einer Untat wird ein Leben beschädigt. Es wird beendet oder verkrüppelt. Ihm ein Weh angetan. Da aber ein Weh etwas sinn-liches ist, müssten wir genauer sagen, daß mit einer Untat ein lebendiges Wesen beschädigt wird. Oder doch nicht? Ist mit einem Schaden, das einem lebendigem Wesen zugefügt wurde, dieses Wesen nicht auch in seinem Leben verletzt? Dies Leben wird gewaltig unter-brochen. Es ist der Bruch des Ver-brechens. Aber wird nur dies Leben dieses lebendigen Wesens verletzt? 


Alles mit uns allen lebt. Ist im Leben. Im zeitlichen Wesen, in dem Sich alles Wesende einigt.  Tut es das Stechen auch in diesem Wesen Weh? 


 Wir fühlen es, wie es Sich in uns bewegt. Die Qual, die in uns Mitleid einflößt und in welcher wir uns in Empörung heben. Es ist die Qual des Beschädigens eines Lebens. Sie geschieht in der Zeit und die Zeit trägt sie mit Sich. Die Untat beschädigt das Leben. Mit dem sinn-lichen immer zugleich im zeitlichen Wesen. Sie ist ein Vergehen gegen die Zeit.


Hat man Sich mit dem Menschen gegen die Zeit vergangen? Vergeht Sich der Mensch gegen die Zeit?  Wir sehen allerdings, wie die Zeit dem Menschen davonläuft. Im Schnellen vergeht. Hängt dies mit dem Vergehen zusammen? Wir fragen aber noch weiter. Ist nicht das Menschenschicksal, daß der Mensch ständig nach Sich suchend in Sich bohrt? Ist dieser Trieb des Menschen, daß er Sich versteht auch in einer Verbindung mit diesem Vergehen?


 Der Mensch versteht Sich, indem er das Sinn-liche be-greift. Aber alle seine geschichtlichen Begriffe sind vergangen. Ihr Leuchten ist ausgegangen. Der Mensch hat Sich als Eigenmacht erkannt. Jetzt versteht er Sich im Selbst-Empfinden. Im vernichtenden Greifen des Sinn-lichen. In der Untat.


 Aber wie kann der Mensch ohne seine geltenden Begriffe und seine Werten Sich verstehen? Leuchtet es auch in seinem sinn-lichen Vernichten? In der Untat? 


 Es leuchtet. Wenn der Mensch greift oder sticht, erleuchtet ein Licht. In der Qual wird der Mensch Sich bewußt. Mit jedem im Begriff ausgequetschten oder erstochenen Sinn-lichen fällt es in der Zeit. Geschieht die Zeit mit dem Menschen im Fallen?


Im Fallen der Zeit leert Sich der Raum. Desto mehr Sich der Raum leert, desto mehr die Zeit dem Menschen ver-schwindet, desto heftiger greift er nach ihr. Wenn die Sterne dem Menschen auf dem Himmel erleuchten, wird er in seinem ganzen Wesen gehoben. Er fühlt Sich in Kraft des Lichtes, er atmet auf.  Es geschieht bei jeder wissenschaftlichen Entdeckung und Schaffung. Mit ihr wird alles (aufs neu) begründet. Was bedeutet dies? Muß der Mensch alles Sinn-liche gesondert begründen? Hat das Sinn-liche sonst keinen Grund?


 Da spricht uns das Sagen, das uns in dieses Gedenken gebracht hat, an. Mit ihm wurde gesagt, das ein Heben über Ab-grund geschieht. Mit ihm wurde aber auch gesagt, daß mit dem Stich nicht nur das gestochene Herz, sondern alle Herzen ins Schwingen kommen und Sich über Abgrund heben. Es wurde aber noch gesagt, daß sie Sich heben - heben: es ist wie ein Schweben.


 Schwebt der Mensch über einen Abgrund? Was für ein Abgrund ist das?   


 Es ist nichts neues. Schon seit je verfolgt der Tod den Menschen. Mit ihm ist der Mensch vor den Unsinn des Lebens gestellt. Dies ist der Abgrund, von dessen Tiefe wird es dem Menschen, der vor ihm steht, schwindlich. Es zieht ihn hinein und dabei noch stärker stoßt ab - zum Sinn-lichen, das er greift. Im Greifen empfindet er Sich. Ist es das Sich-Empfinden, mit welchem Sich der Mensch über den Abgrund hebt und über ihm schwebt? Aber ist es nicht so, daß Sich bei solchem sinn-lichen Greifen vielmals nur dieser greifende Mensch selbst empfindet und daß andere Leuten bei diesem seinen Greifen in Sich unbewegt bleiben?


 Es ist so. Es war aber nicht immer so. Man könnte sagen, daß der Mensch gefühlloser, unempfindlicher geworden ist. Es war aber auch so, daß Sich der Mensch mit seinem Glauben an Gott über den Abgrund halten konnte. Ist es heute auch noch so? Vielleicht gibt es noch jemanden, dessen Glauben an Gott so stark ist,  die meisten aber müssen Sich mit etwas mehr Tatsächlichem halten. Es hat Sich aber nicht nur der Menschen-Glauben an Gott geschwächt. Man beteuert schon lange, daß man keine moralischen Werte mehr achtet. Gelegentlich ruft man zwar auf, man müsse die Werte wieder festigen, jedoch es hilft offensichtlich nicht viel. Die Werte (ver)-fallen mit der Zeit. Sie nützten Sich aus. Jetzt ist der Mensch von Sich abgestossen in das sinn-volle  Sich-Greifen, das ihm als letzte Möglich-keit geblieben ist. Wenn er nicht greift, verhüllt ihn die Dunkelheit. Er steht jederzeit vor dem Abgrund. Nur im Augenblick seines Greifens schwingt er Sich über empor. Aber von wo kommt dies Greifen, ist es nur der Eigenwille des Menschen? Und wie lange bleibt der Mensch in seinem Schweben über den Abgrund? Solange er greift?


 Es wurde gesagt. Die Tiefe des Abgrunds stoßt den Menschen ab zum Sinn-lichen. Ist es aber da nicht zugleich ein An-ziehen seitens des Sinn-lichen selbst? Es stimmt. Das Sinn-liche ist noch sinn-voll.Der Raum ist noch nicht ganz ausgeleert. So spricht uns das Sinn-liche noch immer an. Jedoch sein Leuchten hat Sich geschwächt. Nach einem Sagen ist es matt geworden. Es rizt/ritzt/reißt/schreibt/zeichnet dem Menschen in seinem Leuchten kein gemeinsames Sinn-Bild mehr. Es leuchtet nunmehr fast nur noch dem Greifenden. Er verschlingt es auch selbst. Aber war so auch nicht schon früher? Der Mensch ergibt Sich ja schon seit je seinem sinn-lichen Genuß. Gewiß, aber heute findet er Sich meistens nur noch im Genuß. Das Genießen ist für den zeitgenossischen Menschen der hauptsächliche (Ziel)-Sinn seines Lebens geworden. 


 Für das Genießen wie auch das Quälen eines anderen Menschen interessieren Sich aber die Leuten regelmässig nicht. Meistens schauen sie weg, sie wollen es nicht sehen. Im Genießen des Anderen fühlen sie es als einen Abzug ihres eigenen Bodens, in seinem Quälen aber als eine Gefahr Sich in der Hilfe für ihn ausnützen lassen zu müssen. Fast jeder spart seine Kraft nur noch für Sich. Und fast jeder will so viel wie möglich des ganzen Sinn-lichen für Sich erwerben und halten. Nur in Geschehnissen, die den Menschen äußerst stark treffen (stossen oder stechen in Sich), wie z.B. bei äußersten Greueltaten, Perversitäten oder gewaltigen Vorstellungen und Spielen, erzittern noch alle Herzen, sind die Leuten gemeinsam in Sich bewegt. In diesem Stich-Schock-Reiz-Sich-Empfinden heben Sich die Leuten noch gemeinsam über den Abgrund.    


Die Geschichte des erleuchteten Menschen ist die Geschichte des Sich-Empfindens. In diesem Empfinden wird das Empfindliche des Sinn-lichen, sein Sinn, empfindet. Im Empfinden des Empfindlichen des Sinn-lichen haltet Sich der Mensch in seinem Schweben über den Abgrund. Er haltet Sich so lange, bis er es empfindet. Im Empfinden verliert Sich das Empfindliche des Sinn-lichen. Das Sinn-liche wird zerstört, seine Zeit vernichtet. Das Greifen unsinnig.


Die Geschichte des erleuchteten Menschen ist die Geschichte des (un)sinn-igen Greifens. Der Zerstörung des Sinn-lichen, der Vernichtung der Zeit. Es ist aber auch die Geschichte des Menschen-Sich-Haltens-im-Schweben-über-den-Tod. Die Geschichte des Todes-Besiegens.


Wird jetzt der Mensch vom Tod besiegt? Könnte dies geschehen, wenn Sich das Sinn-liche im Greifen völlig ent-sinnen würde? 


 Das Sagen sagt uns nichts darüber. Es endet in einer Zweideutigkeit des Ausrißes des Gottes-Dorns aus dem Herzen. Es sagt uns nichts, was nachdem mit dem Schweben über den Abgrund geschieht. Stürzen mit diesem Ausriß die schwebenden Herzen in den Abgrund? Wir sehen aber auch, wie dies Sagen in Sich paradox ist. Die Verübung der Untat, die göttlicher Herkunft ist, rettet den Menschen vor dem Tod, ihre Entfernung aber lässt ihn fallen. Was bedeutet das?


Aber wie kann die Entfernung der Untat - des Gottes-Dornes - überhaupt geschehen?  Es wurde ja gesagt, daß der Gottes-Dorn der Mensch ist, daß der Mensch Sich aus Sich ausreißen muß. Es hat Sich aber aus-rißen niedergeschrieben, was die Bedeutungen des Rizens/Ritzens/Reißens/Schreibens/Zeichnens hat. Wurde der Mensch ein/be-rizt / -ritzt /        -rissen / -schrieben / -zeichnet? Aber hat nicht der Mensch (fast) alles bestimmt? Alles (fast) wurde vom Menschen mit seiner Bestimmtheit  für den Menschen bestimmt. Hat Sich der Mensch auch selbst bestimmt?


Mit dem ersten Apfelbiß ereignete Sich in Sich der Menschen-Riß. Es ist s(ein) Ich. 


 Es ist der kleine Unterschied, der mit  dem menschlichen suchenden Irren seit je geschicklich verbunden ist. Der Gottes-Dorn ist nicht das Menschen-Sich, es ist sein überall und Sich allein be-stimmend-stimmtes Ich. Ist dann das Ich-Ausrissen - das Sich-nicht-Bestimmen? Wie kann das geschehen? 


Die Untat sticht ins Herz. Mit der Zeit vergeht die Qualschärfe dieses Stichs. Das Messer im Herz muß gedreht werden um die Qual noch spüren zu können.  Der zeitgenossische Mensch mit seinem genießend-quälenden Drücken und Drehen des Lust-Messers seines immer mehr be-stimmend-stimmtes Ichs vergrößert die Wunde in Sich. Wird ihm in der vergehenden Emfindlichkeit der immer größeren Wunde der Messer der Lust-Sinn-lich-keit aus der Hand genommen und wird er dem Messer seines Lust-Qual suchenden Ichs auf Gnade und Ungnade ausgeliefert?


Wie wird Sich die Untat voll-ziehen? Wird Sich der Mensch von seinem Ich befreien können? Wird er das Messer aus Sich genug früh - bis es in seinen Händen bleibt und die Wunde noch heilbar ist - zurück-ziehen? 


Es geschieht mit der Reue. Das Herausziehen seines Ichs aus seinem Sich hinterlässt im Menschen das bittere Weh der offenen Wunde. Im Heilen dieser Wunde mischt Sich in dieses bittere Weh eine gesonderte Süßigkeit. Sie bringt die Wiedergutmachung. 


Das Aus-rissen des stechenden Ichs er-löst erleichtend den Menschen in Sich und lässt das Menschen-Sich wieder zusammenwachsen. Es ist das Freilassen des Menschen in Sich im Ausriß s(eines) Ichs, dessen Geschehen im Sagen als offenes Geheimnis bewahrt bleibt. Dies Geschehen ist nicht (nur) in menschlicher Kraft. 


Jedoch (fast) jeder kann bei Sich was wieder gutmachen. In dieser Gutmachung zieht er sein Ich zurück und öffnet den Raum. Es ist die Erleichterung des Aufatmens. Die quälende Wunde, die mit dem Verletzen des Menschen in Sich durch das stechende Ich entstanden ist und außereinandergehalten wurde, bekommt mit diesem Ichs-Zurück-ziehen die Möglichkeit Sich zu verheilen. Mit jeder Gutmachung ist die Möglichkeit des Aus-risses der ursprünglichen Untat, mit welcher die Zeit verletzt wurde, näher.


 Wir sind noch da.  Wie oft besucht uns die Reue, die bei einem einsamen Ritter des heiligen Tempels ein ständiger Gast war? Man merkt sie kaum. Im Gegenteil ist das stechende Ich überall spürbar. Wird Sich das Geschehen noch ein letztes mal umdrehen? Wird der lust-suchende Mensch zum Spielzeug der Lust seiner stechenden Sucht?


 Wir sind noch da. Schon morgen vielleicht begegnen wir Sich im Tod. Ist in uns noch die Kraft für die Reue, was wir im Leben versäumt haben? Für die Bitte um Verzeihung und die Gutmachung?


Wird Sich im Menschen, bevor es zu spät wird, die Wahrheit des Todes ereignen? Wird Sich der Mensch in der unheimlichen Kraft der offenen Zeit in der Wahrheit des Todes mit allem Lebenden wieder vereinen?