DAS SCHICKSALGESETZ








DAS KEHREN DER STILLE


 Bei dem großen Tempelwächter

ist es bewahrt:


Schicksalgesetz ist dies, daß Alle sich erfahren,

Daß, wenn die Stille kehrt, auch eine Sprache sei.


Da stellen sich mehrere Fragen zugleich:


 Ist der Mensch mit “seinem” Schicksal bestimmt? Sind wir wahr-haftig mit “unserem” Schicksal verbunden? Wie geschieht Schicksal? Mit einem Gesetz? Mit welchem Gesetz? Ist Schicksal selbst das Gesetz? Wie lautet dies Gesetz? Daß Alle sich erfahren? Welche Bedeutung könnte dies haben? Ist dies Sich-Kennen nicht das allgewöhnlichste Gefühl? Auf was wir kaum noch achten (außer wenn wir in Not geraten)? Oder sind wir mit diesem allgewöhnlichem Sich-Mißachten auf einem Weg, wo die Gefahr, daß Sich der Mensch ver-kennt, lauert?


 Auf einmal wird dem Menschen “sein” Sich außerordentlich bedeutend. Was bedeutet hier bedeutend? Aber verbleiben wir noch bei dieser geheimnisvollen Aussage. Da ist es gesagt, daß den Menschen ein Schicksalgesetz begleitet, nach welchem sich alle Menschen erfahren.  Was bedeutet dies Sich-Erfahren? Ursprünglich bedeutete das Wort erfahren “reisen”, “durchfahren”, “durchziehen”, “erreichen” und erst später “erforschen”, “kennenlernen”, “durchmachen”.  Ist das Schicksal des Menschen mit-Sich-unterwegs-Sein? Ist der wahr-haftige Auf-trag des Menschen, daß er auf Sich achtet, Sich zu-hört? Ist der Mensch mit diesem “seinen” ge-schicklichen Auf-trag von der Wahrheit ge-haftet (be-festigt, an-gehängt, fest-geklebt) - ver-pflichtet? Geschieht so mit dem Menschen die Wahrheit (und der Mensch in der Wahrheit)? Meldet Sich da dem Menschen die außerordentliche Bedeutung des Sich-Zuhörens, nach welcher wir früher gefragt haben? Ist für den Menschen das Wichtigste Sich zu sich selbst zu nähern? Nähert Sich der Mensch zu sich, indem er Sich er-innert? Und was bedeutet das, Sich zu er-innern? Sich in Sich-Inneren ver-tiefen? Sich in “seiner” einzigartigen Wahrheit finden? Geschieht das in der Er-innerung, mit dem Ge-denken?  Ein Bedeuten jedes Einzelnen von uns Heutigen, die nach einem Sagen (das Sich durch den großen Tempelwächter bewahrt und beim Ge-denker auf Sich er-innert) “Zeichen sind, deutungslos ...”?


 Bedeutet ein solches Sich-Zu-hören nicht, daß sich der Mensch, der sich zu-hören will, aus der allgewöhnlichen Stimmung des Sich-Kennens zuerst befreien muß? Daß er in eine offene, unbelastete Beziehung mit Sich geratet? In welcher er Sich nahe ist und Sich doch nicht kennt? Sich erst er-innern kann?


 Aber wie könnte so was dem heutigen Menschen, der sich (fast) durchgeforscht und kennengelernt hat, gelingen? Der jetzt, im Leib leidend, mit unwiderstechlicher Gewalt auf (s)Ich gezogen, seine letzte Aufgabe, indem er Sich verfolgt, durchmacht? Gibt es noch den freien Menschen, der Sich im Gleichgewicht auf “seinem” Weg über die Seilbrücke halten kann? Durch wen Sich das Licht überträgt?


 Jedoch, verweilen wir noch bei dem ersten Teil der Aussage: Schicksalgesetz ist dies, daß Alle sich erfahren. Alle erfahren Sich. Bedeutet dies, daß Sich nur Alle zusammen erfahren können? Die Frage muß offen bleiben, gewiss aber kann kein Einzelner nur Sich selbst er-lösen. Nur gemeinsam können wir uns (Sich) be-wahren. Mit der Harmonie der einzigartigen Antworten öffnet Sich die Kraft der Wahrheit und geschieht die Zeit. Jede Stimme der Wahrheit ist wichtig, mit jeder wird ein Klang der Wahrheit zum Klingen gebracht. Im harmonischen Klingen des gemeinsamen Gesangs kann die Wahrheit wieder ihre Kraft bekommen und in Alles zurück-kehren.


 Unser Schicksal ist, daß wir unterwegs mit uns (Sich) sind. Im unseren Schicksal ist  so auch die große Gefahr, daß wir uns (Sich) verlieren. Aber wie sind wir mit uns (Sich) unterwegs? Wie er-fahren wir uns (Sich)?


 Es ist gesagt, daß, wenn die Stille kehrt, auch eine Sprache sei. Es ist eine Sprache, mit welcher wir sind.  Er-fahren wir uns (Sich) durch diese geheimnisvolle Sprache? Geschieht, indem wir dieser Sprache zu-hören, unser (Sich)-Er-fahren? 


 Es ist nicht gesagt, von wo diese Sprache kommt. Es ist sogar nicht gesagt, daß sie kommt. Gesagt ist, daß die Sprache sei. Sie kommt nicht, sie ist da. Jedoch sie ist nicht da, sie sei, d.h. sie kann manchmal sein. Sie kann sein, wenn die Stille kehrt. Wie kann die Stille kehren? Was bedeutet das überhaupt?   


 Hat das Wort “kehren” hier die Bedeutung des “Wendens”? Ist das Kehren mit einer Rück-kehr verbunden? In der Stille geschieht das Geborgene. Geheim öffnet es Sich einer Wende. Wenn Sich Alles beruhigt, kann es geschehen. Die Stille kehrt, während Sich plötzlich in ihr bewegt. Das vertraute Verhältnis zu Sich, wo der Mensch seit je zuhause ist, öffnet Sich nähernd. Dann kann in Sich auch der willige Mensch zurück-kehren. In dieser Rück-kehr zu Sich, kann er Sich zu-hören. 


Ob es geschieht, ist aber nicht von ihm selbst ab-hängig. Es ist eine Gnade.


Wenn die Stille kehrt geschieht ein Wunder. Es ist die geheimnisvolle An-sage.


    *


Ist das Schicksal des Menschen, um Gnade zu bitten? Und wie weit ist dann der heutige Mensch von “seinem” Schicksalwesen entfernt? 


Das Sich-Aufstellen des heutigen Menschen geschieht in der Rück-sichts-losigkeit der Macht der Wirk(ig)lich-keit. Es ist das Nötigen der Not-wendig-keit, in welche sich das Menschen-Schicksal in seiner anwachsenden Not gewendet hat. So werden in der Gegen-wart (fast) Alle von Sich in die Vergessenheit weggedrängt und in der (fast) fortwährenden Un-ruhe herrscht (fast) immer die Sprach-losigkeit. Wird der Mensch Sich los?


Durch den großen Tempelwächter wurde uns noch geheimnisvoller an-gesagt:


Viel hat von Morgen an, 

Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander,

Erfahren der Mensch; bald sind wir aber Gesang.    









DAS NICHT-BERÜHREN-GEBOT